Himmel und Hölle

Die Wende zum Du

In einem jüdischen Märchen bittet ein Rabbi Gott einmal darum, den Himmel und die Hölle sehen zu dürfen.

Gott erlaubt es ihm und gibt ihm den Propheten Elia als Führer mit. Elia führt den Rabbi zuerst in einen großen Raum, in dessen Mitte auf einem Feuer ein Topf mit einem köstlichen Gericht steht. Rundum sitzen Leute mit langen Löffeln und schöpfen aus dem Topf.

Aber die Leute sehen blass, mager und elend aus. Denn die Stiele ihrer Löffel sind viel zu lang, so dass sie das herrliche Essen nicht in den Mund bringen können. Als die Besucher wieder draußen sind, fragt der Rabbi den Propheten, welch ein seltsamer Ort das gewesen sei. »Das war die Hölle«, antwortet Elia und führt den Rabbi anschließend in einen zweiten Raum, der genauso aussieht wie der erste.

In der Mitte des Raumes brennt ein Feuer, und dort kocht ein köstliches Essen. Leute sitzen ringsum mit langen Löffeln in der Hand. Aber sie sind alle gut genährt, gesund und glücklich. Sie versuchen nicht, sich selbst zu füttern, sondern benutzen die langen Löffel, um sich gegenseitig in essen zu geben. »Dieser Raum ist der Himmel!«

Das schöne jüdische Märchen zeigt die Wende des Herzens, die Entscheidung, endlich über den eigenen Schatten zu springen: Selbstlosigkeit statt Selbstverwirklichung. Altruismus statt Abgrenzcn. Das menschliche Herz ist natürlicherweise auf ein Du hin ausgerichtet, auf die anderen, die menschliche Gemeinschaft. Adler Spricht vom Gemeinschaftsgefühl, sein Schüler Künkel von der Wirhaftigkeit (im Gegensatz zur Ichhaftigkeit). Weil in diesem Märchen der Bauch rücksichtslos auf sich selbst bedacht «gierig gefüllt werden will, hungert er in seiner ängstlichen, egozentrischen Kurzfristigkeit.

Ausschnitt aus Selber Schuld von Raphael M. Bonelli

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