Die perverse Kommunikation

Auszug aus dem Buch: „Die Masken der Niedertracht“ von Marie-France Hirigoyen

Music by Railone | gelesen von Die imaginäre Zahl

Zur Durchsetzung des beherrschenden Einflusses bedient sich der Aggressor gewisser Vorgehensweisen, die die Illusion von Kommunikation bieten – einer eigenartigen Kommunikation, nicht geschaffen, um zu verbinden, sondern fernzuhalten und jeglichen Austausch zu verhindern. Diese »verzerrte« Kommunikation verfolgt den Zweck, den anderen zu »benützen«. Man muß ihn mit Worten manipulieren, ihn immer mehr verwirren, damit er nur ja nicht merkt, was hier gespielt wird. Totaler Blackout ist unerläßlich, um das Opfer ohnmächtig, hilflos zu machen. Auch wenn sie nonverbal, versteckt, unterdrückt bleibt, die Gewalt ist dennoch da: im Unausgesprochenen, in den Anspielungen, in den absichtlichen Auslassungen, und dadurch überträgt und erzeugt sie Angst.

-Die unmittelbare Kommunikation verweigern

Unmittelbare Kommunikation findet nie statt; »man diskutiert nicht mit Sachen«.Wird eine direkte Frage gestellt, weichen die Perversen aus. Da sie nicht sprechen, unterstellt man ihnen Größe und Weisheit. Man betritt eine Welt, in der es wenig mündliche Kommunikation gibt, gerade mal kleine Seitenhiebe destabilisierender Art. Nichts wird benannt, alles bleibt unausgesprochen. Es genügt ein Achselzucken, ein Seufzer. Das Opfer versucht zu verstehen: »Was habe ich ihm getan? Was hat er mir vorzuwerfen?« Da nichts gesagt wird, kann alles Vorwurf sein. Das Bestreiten eines Vorwurfs oder Konflikts seitens des Aggressors lähmt das Opfer, das sich nicht wehren kann. Die Aggression wird verübt durch die Weigerung, beim Namen zu nennen, was geschieht; zu diskutieren; gemeinsam Lösungen zu finden. Handelte es sich um einen offenen Konflikt, wäre eine Auseinandersetzung möglich, und eine Lösung könnte gefunden werden. Aber nach den Regeln der perversen Kommunikation gilt es vor allem, den anderen am Denken zu hindern, am Begreifen, am Widerstehen. Sich dem Dialog zu entziehen ist ein geschickter Trick, den Konflikt zu verschärfen und ihn dabei auch noch dem anderen zur Last zu legen. Das Recht, angehört zu werden, wird dem Opfer verweigert. Seine Lesart der Fakten interessiert den Perversen nicht, der sich weigert, sie zu hören.

Das Verweigern des Dialogs ist eine Form auszudrücken – ohne es unmittelbar in Worte zu fassen –, daß der andere einen nicht interessiert, oder sogar, daß er nicht existiert. Bei jedem anderen Gesprächspartner kann man nachfragen, wenn man nicht versteht. Bei den Perversen ist die Rede gewunden, ohne Erläuterung und führt zu gegenseitiger Entfremdung. Man weiß nie so recht, wie man es deuten soll. Angesichts der Verweigerung unmittelbarer mündlicher Kommunikation geschieht es nicht selten, daß das Opfer seine Zuflucht zu Briefen nimmt. Es schreibt Briefe, um Erklärungen zu erbitten über die Ablehnung, die es wahrnimmt; da keine Antwort erfolgt, schreibt es erneut und sucht im eigenen Verhalten die Gründe für eine solche Behandlung. Es mag sein, daß es sich am Ende gar entschuldigt für das, was es bewußt oder unbewußt getan haben könnte, um die Haltung seines Aggressors zu rechtfertigen.  Diese Briefe, die ohne Antwort geblieben sind, nutzt der Aggressor bisweilen als Waffe gegen sein Opfer. Auf diese Weise gelangte der Entschuldigungsbrief, den eine Frau nach einer heftigen Szene schrieb, bei der sie ihrem Mann seine Untreue und seine Lügen vorgeworfen hatte, in die Polizeiakten unter der Rubrik »Gewalt in der Ehe«: »Sehen Sie, sie gibt zu, daß sie gewalttätig geworden ist!«

In gewissen Unternehmen bezeichnet man die Opfer, die, um sich zu schützen, Einschreibebriefe senden, als paranoide Querulanten. Wenn eine Antwort erfolgt, ist sie immer ausweichend, teilnahmslos. Ein Brief voller Gefühl und Erschütterung, den eine Frau ihrem Mann schreibt: »Sag mir, was ist an mir so unerträglich, daß Du mich dermaßen haßt, daß Du nur Verachtung, Beleidigungen, Beschimpfungen für mich übrig hast? Weshalb sprichst Du mit mir nur in Worten voller Vorwürfe, Behauptungen, ohne Offenheit, im Monolog …« – ein solcher Brief kann sich eine gelehrte Antwort einhandeln, doch ohne jegliche Gemütsbewegung: »Ich sage es nochmals: Die Tatsachen existieren nicht. Alles ist revidierbar. Es gibt weder Anhaltspunkte noch eindeutige Wahrheiten …«

Die Nichtkommunikation findet sich auf allen Äußerungsebenen wieder. Angesichts seiner »Zielscheibe« ist der Aggressor angespannt, seine Haltung ist steif, sein Blick ausweichend: »Von Anfang an, gleich nach meinem Eintritt in das Unternehmen, schaute mich mein Chef in einer Art und Weise an, daß ich mich unbehaglich fühlte; ich fragte mich immer, was ich falsch gemacht hatte.«

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