Die Entdeckung von Aspie

Was wäre, wenn das Asperger-Syndrom anhand seiner Stärken definiert wäre? Was würde sich ändern?

Von der Diagnose zur Entdeckung

Jede Diagnosestellung verlangt, dass man die Aufmerksamkeit auf Schwächen richtet, auf die Beobachtung und Interpretation von Anzeichen und Symptomen, die von der typischen Entwicklung oder Gesundheit abweichen. Sicherlich wäre es ein wenig entwaffnend, wegen einer Diagnose zur Ärztin zu gehen und sie fragt nur: “Also, was fühlt sich absolut toll an?”.

Das DSM IV (American Psychiatric Association, 1994) hilft beim Erkennen unterschiedlicher Störungen. Es wird von Psychiater_innen und anderen Fachleuten für psychische Gesundheit angewendet, um beobachtete Schwächen, Symptome und Verhaltensweisen mit der Fachliteratur abzugleichen. Im DSM IV wird das Asperger-Syndrom anhand spezifischer Diagnosekriterien erkannt, einer Konstellation von beobachteten sozialen und kommunikativen Verzögerungen und/oder Abweichungen.

Einmal diagnostiziert wird von dem Kind oder Erwachsenen in der politisch korrekten ‘Mensch zuerst’-Terminologie gesprochen, also als ein Mensch mit Asperger-Syndrom.

Anders als Diagnose bezieht sich der Begriff Entdeckung eher auf die Erkennung der Stärken oder Talente einer Person. Schauspieler werden entdeckt. Künstlerinnen und Musiker werden entdeckt. Eine gute Freundin wird entdeckt. Diese Menschen werden durch eine informelle Kombination von Einschätzung und Bewunderung entdeckt, die schließlich zu der Schlussfolgerung führt, dass dieser Mensch – mehr als die meisten anderen – bewundernswerte Eigenschaften, Fähigkeiten, und/oder Talente besitzt.

Es ist die Anerkennung, dass „er besser ist als ich in…, weißt du”. Wenn man sich auf Menschen mit Respekt vor ihren Talenten oder Fähigkeiten bezieht, dann ist die politisch korrekte “Mensch zuerst”-Terminologie überflüssig. Labels wie Musikerin, Künstler, oder Dichterin werden begrüßt und als Kompliment betrachtet.

Wenn das Asperger-Syndrom durch die Beobachtung von Stärken und Talenten erkannt würde, dann wäre es nicht länger im DSM IV, noch würde man es ein Syndrom nennen. Schließlich würde man von jemandem mit besonderen Stärken und Talenten weder in Etiketten mit negativem Beigeschmack reden (man sagt Künstler und Dichterin, nicht Künstlerisch Arroganter oder Dichterisch Geistesabwesende), noch hängt man an den Namen einer Person den Begriff Syndrom an (man sagt Sänger oder Solistin, nicht Sinatra-Syndrom).

Wenn man die Stärken fokussiert, muss man den vorherigen Begriff, Asperger-Syndrom, ersetzen durch einen neuen Ausdruck. Die Autor*innen finden, dass der Begriff Aspie, den Liane Holliday Willey in Bezug auf sich selbst in ihrem Buch “Ich bin Autistin – aber ich zeige es nicht. Leben mit dem Asperger-Syndrom” verwendet, ein Ausdruck ist, der unter den anderen talentbegründeten Ausdrücken zuhause ist: Solistin, Genie, Aspie, Tänzer.

Mit schwindendem Leistungsvermögen des DSM IV führen die Autor_innen auch eine Beschreibung von “Aspie” ein, zur Platzierung in einem dringend benötigten, aber noch nicht existenten Handbuch der Entdeckungen über Menschen (MDP I, Manual of Discoveries About People; Material 1). Neue Wege des Denkens führen häufig zu Entdeckungen, die ihre veralteten Vorläufer ausrangieren.

Vergleichbar hat auch der Wechsel von Asperger-Syndrom zu Aspie interessante Auswirkungen und bietet neue Möglichkeiten. Er könnte dahin führen, dass Durchschnittsmenschen ihre Reaktionen überdenken, und eine bisher verpasste Möglichkeit nachholen, aus dem Beitrag der Aspies zu Kultur und Wissen Vorteile zu ziehen.

Material 1: Kriterien für die Entdeckung von Aspie, von Attwood und Gray

  1. Qualitative Vorteile in der sozialen Interaktion, die sich in der Mehrzahl der folgenden Punkte manifestieren:
    1. Beziehungen zu Altersgenossen geprägt von absoluter Loyalität und untadeliger Zuverlässigkeit
    2. Frei von Vorurteilen aufgrund des Geschlechts, des Alters oder der Kultur; Fähigkeit, andere so zu akzeptieren, wie sie sind
    3. Drückt eigene Gedanken ungeachtet des sozialen Zusammenhangs aus oder hält an persönlichen Überzeugungen fest
    4. Fähigkeit, persönliche Theorien oder Perspektiven trotz widersprechender Beweise zu verfolgen
    5. Sucht Zuhörer_innen oder Freund_innen, die fähig sind, sich für einzigartige Interessen und Themen zu begeistern, Details schätzen und Zeit damit verbringen, ein Thema zu diskutieren, das nicht von vorrangigem Interesse zu sein scheint
    6. Hört ohne ständiges Urteilen oder Unterstellungen zu
    7. Hauptsächlich an aussagekräftigen Gesprächsbeiträgen interessiert; vermeidet “ritualisierten Small Talk” oder sozial triviale Aussagen und oberflächliche Unterhaltungen.
    8. Sucht aufrichtige, positive, echte Freunde mit einem bescheidenen Sinn für Humor
  2. Spricht fließend “Aspergisch”, eine soziale Sprache, die von mindestens drei der folgenden Merkmale gekennzeichnet ist:
    1. Entschlossenheit, die Wahrheit zu suchen
    2. Unterhaltung frei von versteckten Bedeutungen oder Hintergedanken
    3. Hoch entwickelter Wortschatz und Interesse an Wörtern
    4. Faszination an wortbasiertem Humor wie Wortspielen
    5. Fortgeschrittener Gebrauch von Bildmetaphern
  3. Die kognitiven Fähigkeiten sind durch mindestens vier der folgenden Merkmale gekennzeichnet:
    1. Starke Bevorzugung von Details vor dem Gesamtbild
    2. Originelle, oft einzigartige Weise der Problemlösung
    3. Außergewöhnliches Gedächtnis und/oder Erinnerung an Details, die von anderen oft vergessen oder ignoriert werden, wie z.B. Namen, Daten, Terminpläne, Routinen
    4. Begeisterte Ausdauer beim Durchhalten beim Sammeln und Ordnen
      von Informationen zu einem Thema von Interesse
    5. Beharrlichkeit des Denkens
    6. Enzyklopädisches oder “CD-ROM”-Wissen über ein oder mehrere Gebiete
    7. Wissen um Routinen und ein zielgerichteter Wunsch, Ordnung und Genauigkeit aufrechtzuerhalten
    8. Klarheit in den Werten/bei Entscheidungen, unberührt von politischen oder finanziellen Faktoren
  4. Mögliche zusätzliche Merkmale:
    1. Große Sensibilität für bestimmte sensorische Erfahrungen und Stimuli, z.B. Hören, Berührung, Sehen, und/oder Geruch
    2. Stärke bei Einzelsportarten -spielen, besonders solchen, die Ausdauer und visuelle Genauigkeit erfordern wie Rudern, Schwimmen, Bowling, Schach
    3. “Sozial unbesungener Held” mit vertrauensvollem Optimismus: häufiges Opfer der sozialen Schwächen anderer und trotzdem an dem Glauben festhaltend, dass echte Freundschaften möglich sind
    4. Eine höhere Wahrscheinlichkeit als in der Durchschnittsbevölkerung, nach dem Gymnasium die Universität zu besuchen
    5. Oft fürsorglich anderen gegenüber außerhalb des Rahmens der typischen Entwicklung

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